Schlosspark Rittergut Hedwigsburg
Allegorie der Kraft

Geschichte

Der Park des im 2. Weltkrieg zerstörten Schlosses Hedwigsburg liegt im Südwesten von Kissenbrück (Samtgemeinde Asse, Landkreis Wolfenbüttel), landschaftlich reizvoll in der Oker- und Ilseaue. Ein hier ursprünglich vorhandener Meierhof "Stecklenburg", der auf eine germanische Fluchtburg zurückgeht, befand sich im Besitz des Stiftes St. Blasius in Braunschweig. Der Hof, der wiederkäuflich zuletzt dem Kammersekretär des Herzogs Heinrich der Jüngere, Stephan Schmidt, verliehen war, wurde 1578 durch Herzog Julius erworben. Er baute das Gut in ein Lustschloss mit Gartenanlagen, Teichen, Grotten und Statuen um und machte er seiner Gemahlin Hedwig, der Tochter des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg, zum Geschenk. Zu Ehren der Herzogin wurde der fürstliche Sommersitz, auf dem das Herzogspaar gern weilte,  Hedwigsburg genannt. Der Name Stecklenburg verschwindet. Das Lustschloss, eines der ersten nach erstarken des Absolutismus im Braunschweiger Gebiet, war aus der Residenz Wolfenbüttel über die schiffbare Oker und über einen von Herzog Julius angelegten Kanal direkt erreichbar.

Bis 1769 blieb das Schloss, abgesehen von einem kurzzeitigen Verkauf 1630, in herzoglichem Besitz, wurde dann aber unter Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand wegen Spielschulden an den Geheimen Rat, Oberkammerherrn und Oberhofmarschall Albrecht Edmund von Münchhausen verkauft. Aus dem fürstlichen Haus wurde ein "Rittergut", das bis 1811 im Besitz der Familie von Münchhausen blieb. Unter Münchhausen wird das Schloss durch zwei Seitenflügel erweitert und die barocke Gartenanlage im Stil des englischen Landschaftsgartens verändert. Diese dem Barock folgende zweite Phase der Verlandschaftlichung und Erweiterung der Parkanlage  bildete den Höhepunkt in der Geschichte des Parks.

 

Unter dem dann folgenden Besitzer, Fabrikdirektor August Christian Graberg, begann die dritte Phase der Anlage, die des Niedergangs. Wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen ließ Graberg die Anlage drastisch verkleinern und baute sie in Teilen zurück. Andererseits stattete er die verbliebene Parkanlage mit Skulpturen aus, die vor allem aus dem abgerissenen Schloss Salzdahlum stammten. Auch die 1738 von Johann Friedrich Penther für den Garten des Schlosses Wernigerode entworfene Sonnenuhr, die heute vor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel steht, wurde von Graberg in Hedwigsburg aufgestellt.

 

1900 ging die Hedwigsburg in das Eigentum der Familie von Löbbecke, 1933 in das der Familie Bennecke über.

 

Das Schloss Hedwigsburg, das aus einem prächtigen Mittelbau (22,50 x 16,15 m), zwei Eckpavillons und verbindenden Zwischenbauten bestand, wurde am 14. Januar 1944 durch einen englischen Fliegerverband, der Restbomben abwarf, zerstört. An seiner Stelle entstanden später Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

 

Der Schlosspark blieb zunächst erhalten. Überall im Park kam es jedoch zu Pappelaufforstungen für die in Braunschweig ansässige Zündholz AG. Der Park ist heute jedoch nur noch in den Grundzügen erkennbar, da er trotz einzelner Pflegemaßnahmen einer zunehmenden Zurückeroberung des Geländes durch die Natur überlassen wird. Größere Flächen sind mit Esche und Fichte aufgeforstet und werden forstwirtschaftlich genutzt.

 

 

IFDN BS 6566 Negativ im Besitz der Familie Bennecke; aus: Hillmann, Krüger, Rietz

Konzeption der Außenanlagen

Oberhofmarschall Albrecht Edmund von Münchhausen erweiterte das Schloss, eines der bedeutendsten niedersächsischen Barockbauten, durch die beiden an den Mittelbau angefügten Seitenflügel. Den Park ließ er in einen englischen Landschaftspark umgestalten, in dem Grundzüge einer barocken Anlage erkennbar blieben. Daran, dass die streng symmetrischen Strukturen der Vorgängeranlage weiterhin den Grundriss dominierten wird deutlich, dass es nur begrenzt gelang, den formalen Barockgarten dem Geschmackswandel hin zum Landschaftsgarten anzupassen.

 

Über eine Lindenallee (heute Kastanienallee) erreichte man nach 1770 durch ein Portal und über eine Brücke den Wirtschaftshof des Schlosses und den anschließenden Schlosshof. Im Zentrum des halbkreisförmigen Rasenovals stand die nach dem Entwurf Penthers angefertigte Sonnenuhr. Das Wasser der Ilse speiste die Graften, die Hof und Garten umgaben und ihrerseits nach holländischem Muster von Alleen gesäumt waren. In Verlängerung der Lindenallee lag das Schloss mit dessen Gartenanlage, dem ursprünglich barockem "Luststück", dem sich in achsialer Verlängerung eine weitere Allee anschloss. Diese führte entlang eines schiffbaren Kanals in die Feldflur hinaus und endete mit einer ovalen Insel und dem Tempel der Freundschaft als markanten Blickfang.

 

Das symmetrische Achsennetz des Barockgartens wurde unter Münchhausen durch unregelmäßige Baum- und Gehölzgruppen unter ausgiebiger Verwendung exotischer Arten, Rasenflächen, die teilweise durch Blumenbeete verziert waren, und geschlängelte Wege ersetzt. Die vor- und rückspringende Bepflanzung und die Baumgruppen in der Rasenfläche, Clumps genannt, verdeckten die gradlinige Begrenzung und eröffneten malerische Blickbeziehungen. Ein kreisrunder See mit baumbestandener Insel ersetzte die barocke Mittelallee durch das Luststück. Die schnurgerade östliche Begrenzung des Luststücks wurde durch einen aus geschnittenen Linden geformten Bogengang ersetzt, der am östlichen Rand von einem unregelmäßig geformten, gleichwohl geometrisch erscheinenden  Fischteich mit zwei Inseln begleitet wird.

 

Darüber hinaus wurde der 15 Morgen umfassende Barockgarten erweitert, Felder, Wiesen und Küchengarten wurden einbezogen. Unter Münchhausen entstanden auch Parkexklaven außerhalb des Kerns der Gartenanlage, die heute nicht mehr erkennbar sind.

 

Wasserfall, Badesee und Badehaus befanden sich unmittelbar östlich des Schlosses.

 

Der Park Hedwigsburg wurde in dieser Zeit mit einer Fülle unterschiedlicher, aufwendiger und zum Teil skurriler modischer Gegenstände ausstaffiert, die nach Kirsch "wie aus einem der einschlägigen zeitgenössischen Musterbücher entsprungen anmuten".

 

Hierzu gehörte neben dem Rundteich mit Insel und dem Bogengang aus Lindenbäumen  ein "Bauernhof", ein Vogelhaus in der Form einer Pagode, ein Obelisk, eine Einsiedlerhütte, der Freundschaftstempel, ein Venusgarten, Windharmoniken, Glasglocken, Karussells und vieles anderes. Die Gesamtheit der Staffagen lässt sich laut Kirsch der Rokoko-Leitvokabel "Variéte" zuordnen, bedingt sowohl durch die Vielzahl und Stilvielfalt der Gartengebäude als auch durch deren Kuriosität.

 

Der Park lässt noch die alte Gliederung der Baumpflanzungen, Hecken, Wege und Teiche erkennen.

 

 

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Kartensammlung K 8,390

Besonderheiten

Auf einem Stich des Malers und Kupferstechers Karl Schröder (1760 -1844) aus dem Jahre 1793 ist das heute nicht mehr vorhandene Baumhaus östlich des Küchengartens dargestellt: eine Fachwerkkonstruktion trägt über vier Stockwerken eine Plattform mit  einer Galerie, deren Dach  an den Ecken mit Sandsteinurnen geschmückt ist. Die Galerie war ausgestattet mit Glasmalereien und verschiedenartigem Fensterglas, das einen pittoresken Landschaftseindruck vermittelte. Von hier oben wurde die Umgebung als bewusst in den Park einbezogen wahrgenommen. Das Harzpanorama, die Kirchtürme und Hüttenwerke Goslars,  Schloss Wernigerode und der Brocken waren laut der Reisebeschreibung Phillip Christian Ribbentrops von 1791 Bestandteil des Landschaftsprospektes.

 

Am oberen Ende der Lindenallee vor dem nicht mehr vorhandenen "Baumhaus" steht auf einem felsimitierenden Sockel eine Statue, die als Frau in antiker Gewandung dargestellte Germanische Stärke (Allegorie der Kraft), die ihre rechte Hand auf einen sitzenden Löwen legt und in der linken ein Ruder hält (Ende 18. Jh.).

 

Die Anlage enthält einen Hundefriedhof mit zwölf Grabsteinen, auf dem mehr als ein Dutzend Hunde zwischen 1872 und 1923 beerdigt wurden. Ursprünglich befanden sich die Grabsteine auf einer Rasenfläche näher am Schloß.

 

Auf einer künstlichen Anhöhe, die früher mit einer Hainbuchenhecke in Spiralform bepflanzt war und daher "Schneckenberg" hieß, steht ein etwa 1 m hohes und fast 60 cm breites Steinkreuz aus Kalkstein von 1571. Dieses Mord- oder Sühnekreuz wurde 1895 von Graberg aus der Feldmark in den Park versetzt. In das Jahr 1895 fällt auch die Aufstellung des sogenannten "Bismarcksteins" an einem Weg im Wald nordöstlich der Lindenallee.

  

1888 wurde im Osten des ehemaligen Parks ein Privatfriedhof angelegt.

 

 

Schneckenberg mit Sühnekreuz

Baumhaus

Das östliche Ende des dreieckig angelegten Küchengartens bildete ein auf dem Gipfel des Hügels gelegenes "Baumhaus", ein hölzerner Aussichtsturm. Von "Baumhaus" und der davor stehenden Statue der "Stärke" strahlten drei Wege bergab in Richtung der ehemaligen barocken Gartenanlage aus. Der nördliche Strahl führte als vierreihige Lindenallee auf das Schloss zu und ist noch heute gut wahrzunehmen. Nördlich davon lag ein von zahlreichen Schlängelwegen durchzogenes trapezförmiges Wäldchen, das von Alleen begrenzt wurde.

 

 

Niedersächsisches Landesarchiv - Staatsarchiv Wolfenbüttel, 50 Slg 83 Nr. 3; entnommen aus: Kirsch

Bewertung

Die Gartenanlage des ehemaligen Schlosses Hedwigsburg ähnelt einem Dokument, das die kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe der jeweiligen Zeit widerspiegelt. In ihm wird die Unterwerfung der Natur in der Zeit des Barocks ebenso deutlich wie die anschließende Natursehnsucht, die das Natürliche zum Maß aller Dinge erhebt und die menschliche Planung verbirgt. Der Geschmackswandel in der Landschaftsgartenmode des 18. Jahrhunderts bewirkt die Anpassung des Parks. Die Ära des Sentimentalismus verkörpert der Tempel der Freundschaft, der Betätigungsdrang des Rokokos drückt sich in Schaukeln, Lustschiffen und Badeteich aus. Der Einfluss des Sensualismus wird in Windharmoniken, Glasglocken und Schalllöchern, die Vogelstimmen imitieren sollen, deutlich.

 

Ohne das Schloss als Mittelpunkt, das des gestalteten Parks als repräsentativen Freiraum bedarf, ohne den Gestaltungswillen der Eigentümer und ohne die erforderlichen Finanzierungsmittel auch der öffentlichen Hand ist der ehemalige Schlosspark ein Beispiel dafür, wie vergänglich Parks ohne ständige Anstrengungen zu ihrer dauerhaften Erhaltung und nachhaltigen Fortentwicklung sind. Ein Aufhalten oder gar eine Umkehr der "Renaturierung" des Schlosspark Hedwigsburg und damit des endgültigen Verlustes dieser hervorragenden Parkanlage ist derzeit nicht erkennbar.

 

Bogengang aus Linden

Öffnungszeiten

Zum großen Teil ganzjährig zugänglich mit Ausnahme des Rittergutes, der Ruinen des Schlosses und andere Teile des Privatbesitzes.

 

 

Weiterführende Literatur

  • Bennecke, Werner: Kissenbrück - Beiträge zur Geschichte eines alten Dorfes; Kissenbrück 1997

  • Hillmann, Holger; Krüger, Kai; Rietz, Simon: Rittergut Hedwigsburg - Gartendenkmalpflegerische Betrachtungen einer historischen Parkanlage; 4. Projektarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover 2003

  • Kirsch, Rolf: Frühe Landschaftsgärten im niedersächsischen Raum; Göttingen 1993

  • Schultz, H. A.; Verborgene historische Stätten - Die Stecklenburg und das Schloß Hedwigsburg; in: Braunschweigische Heimat, Zeitschrift für Natur- und Heimatpflege, Landes- und Volkskunde, Geschichte, Kunst und Schrifttum Ostfalens; Heft 4, Dezember 1971 Seite 1134 ff.

 

 

Anfahrt mit Bus und Bahn

Von Wolfenbüttel Kornmarkt über Wolfenbüttel Bahnhof fährt die Buslinie 751 werktags etwa alle zwei Stunden nach Kissenbrück (Haltestelle Kissenbrück Wilder Jäger). An Samstagen, Sonn- und Feiertagen fahren fast ausschließlich Anruf-Sammeltaxis  und Anruf-Linientaxis nach telefonischer Anmeldung.

Vom Bahnhof Wolfenbüttel fährt  die Buslinie 756 über Kissenbrück nach Biewende (Remlingen)-(Kalme-Seinstedt-Hornburg) z.T. stündlich, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen fast ausschließlich als Anruf-Sammeltaxis  und Anruf-Linientaxis nach telefonischer Anmeldung.

 

Günter Piegsa          06.06.2011